Auch wenn’s gelegentlich hart an den Rand des Abstrusen geht, eine gute, bisweilen glänzende Folge, bei der wieder einmal der Empathiefaktor stimmt – sieht man doch anhand einer hervorragend gespielten (Joyce van Patten) wie geschriebenen Mörderinnen-Rolle, wie süffisant und gleichzeitig ergreifend tragische Abgründe dargestellt werden können. Da geben sich Bonmots von Victor Hugo und Oscar Wilde die Klinke in die Hand, da hat das Wort „altmodisch“ eine ambivalente Doppelbedeutung (dito: „Komplimente“), da ist der Soundtrack bemerkenswert modern, impressionistisch, dissonant, teils verstörend in „Psycho“-Reverenz-Klängen. Da können wir die Täterin wegen der weit in die Vergangenheit zurückreichenden Konflikte bemitleiden und zugleich stärker verurteilen, aber auch mit Columbo eine Nähe zu einer Frau verspüren, die ihm auf Augenhöhe („Unterschätzen Sie mich nicht!“) begegnet. Da schafft es das Drehbuch sogar noch, diese „alte Jungfer“ gegen die Schwester auszuspielen, welche (Celeste Holm etwas zu karikaturhaft) sich damit brüstet, einen Raum immer am Arm eines Gentleman zu verlassen – und wie dies in der Schlussszene endlich auch für die andere wahr wird, muss man gesehen haben! Kein reiner Columbo, eher ein wehmütiges und auch etwas böses Drama, und darin großartig. Ohne dass des Inspektors klassische Tugenden merklich drunter leiden müssen. Gewisse Schwächen am Rande seien da weitgehend verziehen (z.B. die etwas seltsame Annahme, man stelle seine Datumsuhr wirklich genau nach Mitternacht um oder die beim Falschen platzierte Antiquität lasse diesen tatsächlich verhaftungswürdig erscheinen. Und der Klischeehomo-Friseur wirkt doch etwas aus der Zeit gefallen; immerhin herrlich, wie Columbo einen Moment auf seine Wuselfrisur verzichten muss, und vielleicht hat ja auch Loriot die Folge im Kopf gehabt, als er Herrn Brösecke aus „Ödipussi“ erschuf). So knapp an der Höchstwertung vorbei, aber in seinen besten Momenten dermaßen stark, dass ich mit 8 von 9 deutlich über der Durchschnittswertung liege.
Die Dosis macht das Gift? Mit dieser nicht schlechten Folge tue ich mich etwas schwer, da mein Eindruck ist, eine Reihe von guten und oft spaßigen Szenen ergibt noch keine gute Folge, oder um im Milieu derselbigen zu bleiben: Eine Reihe guter Fotos gibt noch keinen guten Film, die Montage macht’s. Das Dilemma gleich zu Beginn: Der Täter, ein Fotograf mit einem veritablen Drachen von Frau, gibt zu erkennen, dass er nicht den letzten Ehrgeiz hat, mit dem Mord derselbigen durchzukommen: Knast ist besser als Eheknast. Und so knirscht sein Plan dann auch an einem Paradoxon: Je deutlicher man einen Mord einem anderen in die Schuhe schiebt, desto dämlicher müsste dieser andere ja sein, sich so offen zu belasten. Dessen Täterschaft wird also wahrscheinlicher und unwahrscheinlicher zugleich. Columbo macht daraus – das Übliche, mit einer Reihe von Kabinettstückchen, die manche als diesmal besonders hohen Kult-Faktor schätzen mögen. Ich fand es in der Masse überzogen, bis hin zu Albernheiten, die mit der Handlung nichts mehr zu tun haben wie derjenigen, dass er „Hund“ mal ein Foto einer Cocker-Spaniel-Dame „wie ein Pin-up-Girl“ hinhängen müsste. Und: So doof KANN man in technischen Dingen kaum sein, das nehme ich nicht mal Columbo ab, dass er beim Fotografieren nicht ansatzweise den Bildkader korrekt auswählt und dass er nicht weiß, was eine spiegelverkehrte Fotografie ist. Letzteres hat dann zwar immerhin mit der obligatorischen Falle am Ende zu tun, bei der aber im Grunde ein völlig unnötiger Zinnober um die Anzeige einer Uhr veranstaltet wird: Warum man die nicht hätte verstellen können, was doch naheläge und auch geschehen war (für die Lösung völlig zweckfrei), kommt nie zur Sprache. Der Täter (immerhin Dick van Dyke mal überzeugend in ernster Rolle) macht es Columbo umgekehrt mitunter zu leicht. Eine Zeitlücke erklärt er damit, dass er noch in einer Telefonzelle war, worauf er sich erwartbar in Widersprüche verwickelt. Warum sagt er nicht, dass umgekehrt der vermeintliche Erpresser statt er selbst später als gedacht am Tatort war? Fragen über Fragen, und der Film kann dies durch die am Anfang angedeutete Tragik des Täters kaum kompensieren, die nicht weiter entwickelt und ins Zentrum gerückt wird wie etwa in „Wein ist dicker als Blut“. So wegen stellenweise hohem Unterhaltungswert 6 von 9, aber insgesamt eher mittelmäßig.
Eine gelungene Folge, bei der höchstens derjenige kritisch sein kann, der den Plan akribisch hinterfragt. Der Mord, bei dem der Täter riskiert, dass er zeitversetzt auf der Überwachungskamera zu sehen ist, wirft Fragen auf, die Columbo bald auch stellt. Wieder einmal ist alles zu perfekt, um wahr zu sein, so die penibel genauen Uhrzeitangaben mittels einer damals offenbar revolutionär neuen Digitalarmbanduhr. Daneben fiele mir ein: War nicht riskant, dass der Täter dem Opfer – seiner Schwiegermutter – noch unmaskiert gegenübertritt, bevor er abdrückt, sodass diese seinen Namen hätte ausrufen können? Der Ton wird ebenfalls aufgezeichnet! Vom Spiel Columbos mit den anderen Figuren ganz besonders stark, und mit guten Darstellern besetzt: Der Täter ist der Österreicher Oskar Werner, angenehmerweise von sich selbst synchronisiert, ein arroganter Lebemann à la David Hemmings der Alpenrepublik. Die Gattin: Gena Rowlands. Typ Hitchcockblondine im Rollstuhl, und man merkt die auch symbolische Tragik einer „erstarrten“ Frau, die gern mal „aufstehen“ möchte, aber den Mann, der ihre Mutter erschoss, aufrichtig liebt. Grandiose Schlussszene mit ihr, in der sie eine wichtige Entscheidung zu treffen hat. Humor am Rande und bezeichnender Ausfluss Columbos Biedersinns angesichts seines Unverständnisses von moderner Kunst ist eine Szene in einer Galerie. Er steht eben mehr auf Uramerikanisches wie Football, was ihm sogar die Lösung weisen wird. Insgesamt eine runde Sache, 8 von 9.
Eine etwas seltsame Folge. Trotz des interessanten Psychotherapie-Milieus und einer wirklich gelungenen finalen Falle stören weniger die fehlenden Anekdoten am Rande als der diesmal wirklich schwache Fall. Eigentlich interessanter Versuch: Während man gelegentlich ganz normale Menschen hat, die zu Mördern werden, geht es hier um einen von Anfang an als gewissenlos erkennbaren Mann – der vielleicht gar keinen Mord begeht, da man seine Tat grad eben noch als Notwehr gelten lassen könnte. Die Frage, warum so ein Kotzbrocken überhaupt seine Geliebte schützen möchte, wo er doch noch eine andere hat, hat der Kommentator dieser Seite ebenfalls aufgeworfen. Wie dem auch sei, der Plan, die Tat fiktiven Einbrechern in die Schuhe zu schieben, ist hanebüchen und amateurhaft. Das mag realistisch sein, ist aber für Columbo kaum eine Herausforderung. Damit auch wir Zuschauer ja nicht überfordert werden, gibt uns die Bildgestaltung laufend Hinweise, beispielsweise beim Bildkader, der in Großaufnahme zeigt, wie des Täters Wagen eine matschige Einfahrt passiert, sodass sich seine Anwesenheit ermitteln lassen wird. Informationsvorsprung ja, aber das Wie des Auffliegenlassens muss spannend bleiben! In die gleiche Richtung geht die enervierende Häufigkeit, nach der Columbo den Täter um Feuer bittet. Dabei schleicht sich sogar Filmfehler ein. Bei einem Verhör ist des Ermittlers Zigarre wie von Geisterhand auf einmal verschwunden. Und warum der Mörder ihm da sein Feuerzeig gibt, das doch eigentlich gar nicht mehr funktionieren dürfte, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Ein Fehler ist auch die Aussage, am Tatort seien keine Fingerabdrücke außer denjenigen des Opfers und seiner Frau gefunden worden. Der Mörder hatte dort munter ohne Handschuhe alles angetatscht, geraucht, sein Streichholz in den Kamin geworfen, es ist zum Steinerweichen. Drehbuchschlampigkeiten auch an anderen Stellen: Eine Szene endet im Nichts, und ob die Assistentin und Geliebte des Täters auf Columbos Aufforderung, den Mann nicht mehr zu decken, reagiert, erfahren wir nie. Die größte Steilvorlage bei allen Fehlern des Tatplans bleibt gar ungenutzt: Bei einer zweiten Toten wird Schmuck gefunden, den eigentlich die erfundenen Einbrecher haben müssten. Die wirklich großartige Falle am Ende (in der endlich auch einmal der Zuschauer wieder für voll genommen und hereingelegt wird) wäre kaum nötig gewesen. Und der Täter muss wissen, dass bei einem zweiten Mord (der dann wirklich einer ist) sein Ziel, Ruf und Forschung zu retten, nicht erreichbar sein wird, da er illegal mit Drogen experimentiert, die im Opfer gefunden werden müssen. Und dieser Plan – ist er wirklich so sicher, kann der Täter davon ausgehen, dass das von ihm hypnotisierte Opfer tatsächlich neben statt in den Pool springt? Immerhin führt dies zu einer schrecklich-schönen somnambulen Szene im Stile des großartigen Noir-Klassikers „Schlingen der Angst“. Und positiv hervorzuheben ist auch die Szene bei einer Gesellschaft des Täters, der Columbo auf deren Bitten seine Methoden erklären soll: Er wendet sie dabei gleich gegen den Täter an! Sehr doppelbödig und süffisant geschrieben. Dies und die Falle können noch ein bisschen was retten. Ich schwanke zwischen 5 und 6. Wenn man bedenkt, dass bei 4 schon der rote Bereich beginnt und ich „Bluthochzeit“ 4 Punkte gegeben habe, runde ich hier auf 6 auf. Bei aller Häme, nur ein Punkt mehr als „Bluthochzeit“ wäre gemein…
Dass die Folge polarisiert, ist verständlich: Es gibt nach der Halbzeit eine überraschende Wendung und von da an fast einen Whodunit (wobei dieser aber weder so rätselhaft noch so durchgeknallt ausfällt wie in „Der alte Mann und der Tod“). Desweiteren ist Columbos Gegner diesmal anscheinend recht uncharismatisch und in seiner Mischung aus – je nach Situation – Schleimigkeit und unkontrollierter Wut ein Widerpart, bei dem die Wortgefechte kaum auf Augenhöhe stattfinden können. Jajajaja, sehe ich alles ein – und liebe diese Folge. Zum Täter ist zu sagen, dass der schleimige Teil, in der Tat völlig überzogen dargestellt, sich als Teil eines perfiden Plans entpuppt und in der zweiten Hälfte zurückgenommen ist. Davon abgesehen bin ich der Ansicht, dass auch größere Abweichungen vom Schema F soweit erfrischend sind, wie sie den Geist der Serie uns insbesondere des Hauptcharakters wahren. Und dies gelingt! Die Detektion ist gefordert wie eh und je. Zudem verbindest das die Folge mit zahlreichen „Kult-Reverenzen“, die brachial lustig, aber nicht brachial sind: Das Ei. Die Aversion gegen luftige Höhen und gegen Blut. Das Auto (natürlich wollte Columbo nicht einfach so in einem schickeren Oldtimer als dem seinen sitzen, sondern hat – haha – rein zufällig den Kilometerstand abgelesen). Die Gattin und ihre Dessous (!). Solche Dinge verkommen nie zum Albernen, weil sie immer wunderbar mit den Ermittlungen verwoben sind. Vor allem aber: Wirklich interessante Nebenfiguren, vor allem eine, die Schwester des Opfers, herausragend in Rolle wie Schauspielerin. Eine sehr resolute, etwas füllige und nicht mehr ganz junge Dame, damit schon mal erfrischend gegen typische weibliche Rollenklischees besetzt – andererseits ist durch ihr feinstes Mienenspiel von Anfang an klar, dass das umgekehrt kein „Drachen“ ist, sondern eine verletzliche Frau mit Herz und Seele. Dass selbst sie den (wenig überzeugend wirkenden und aufgesetzten) Verführungskünsten des Täters nicht widerstehen kann, wirkt auf Anhieb etwas enttäuschend, ist aber im positiven Sinne eine Irritation, die ungeahnte Zwischentöne bei einer ansonsten sehr positiv konnotierten Figur erkennen lässt. Was die psychologische Komplexität wie Abgründigkeit einer starken Nebenfigur betrifft, eine der besten Folgen, die es gibt. Was sich auch in bei Columbo-Folgen ungewohnten Gefühlsausbrüchen zeigt: Wenn die besagte Frau am Ende den Täter schlägt (wobei ein vorheriger entsprechender Versuch halbherzig wie halb herzig war und in einen Kuss mündete), richtet sich ihre Gewalt teils auch gegen sich selbst und die Scham/Wut, auf so einen gestanden zu haben. Zudem ist – für mich – sehr berührend, wie Columbo in dieser Figur eine Seelenverwandte findet, was angesichts der forschen Art der Dame verwundern mag, aber stimmig ist. Nicht nur sagt Columbo dies einmal (und erläutert es auf absolut plausible Weise, was erfreulicherweise wiederum mit der Ermittlung perfekt verknüpft ist). Auch sehen wir, dass sie bei ihren Ermittlungen auf eigene Faust ähnlich dem Inspektor vorgeht. Andere Montage-Einfälle nutzen Parallelen als Gag und runden den positiven Eindruck ab: Der Mörder bestellt einen Kaffee, Schnitt, Columbo kommt mit einem Coffee to go am Tatort an. Einwände? Dass der Täter auch nach der ersten Hälfte schon wegen Mordversuchs hätte festgenommen werden müssen, lasse ich nicht gelten, da zu sehr mit der Brille des deutschen Strafrechts gesehen. Ein kleiner Einwand mag in der Auflösung bestehen: Wer, wie der Täter, dermaßen vielen Frauen das Höschen auszieht, sollte doch wissen, wie man eines anzieht? Sei’s drum. Eine nicht makellose Folge, aber eine, die in ihren Stärken so unglaublich stark ist, dass die kleinen Schwächen mehr als wettgemacht werden. Es ist Ansichtssache, aber während ich den makellosen Folgen meist 8 Punkte gebe, mag ich die unebenen grad dann besonders gern, wenn die Ausreißer nach oben viel deutlicher als die nach unten sind. So ist das hier, in extremem Maße, daher die Höchstwertung.